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Rojas, Ela: Einer dieser chilenischen Tage

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Ein Tag im Mai Mitte der neunziger Jahre in Santiago de Chile. Seit Wochen wird das Urteil des Obersten Gerichtshofs gegen den früheren Chef des berüchtigten Geheimdienstes erwartet, und heute soll es endlich soweit sein. Für die ehemalige Journalistin Karola Philipp ist es »einer dieser chilenischen Tage«, die Erinnerungen an Zeiten wecken, als der alltägliche Staatsterror das Leben der Menschen bestimmte, auch das von Karola und ihres Ehemanns Ricardo, der mehrfach »durch die Mühle gedreht« worden war und dennoch nicht ins Exil gehen wollte. Das Land ist vor wenigen Jahren zur Demokratie zurückgekehrt, aber Exdiktator Augusto Pinochet hält die Fäden als Oberbefehlshaber der Armee noch immer in der Hand.
Die Verantwortlichen auf die Anklagebank zu bringen, eine Sühnung der Verbrechen ist daher schwierig. Karolas Gedanken werden von dem bevorstehenden Urteil beherrscht und schweifen in vergangene Zeiten ab. Verschiedene Schicksale, vor allem das ihrer Nachbarin Doña Regina, deren ältester Sohn Pablo nach seiner Verhaftung am Tag des Militärputschs für immer »verschwand« und deren beiden jüngsten Söhne Jahre später ebenfalls gewaltsam ums Leben kommen, machen Karola die Parallelen zu deutscher Vergangenheit bewusst, die sie als »Nachgeborene« nur aus Geschichtsbüchern und Erzählungen der Großmutter kennt: so das »Verschwinden« der Jüdin Ida Silberstein und ihrer Familie im November 1938.
Was von Ida blieb, sind Goethes »Wahlverwandtschaften« mit Widmung und ein Zitat von Franz Kafka: »Ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns«. Direkte Verbindungen treten zutage, denn so mancher nach dem Krieg untergetauchte SS-Funktionär »fand in den Diktaturen Südamerikas bald neue Aufgaben«. Suspekt und widersprüchlich ist August Heller, Karolas Arbeitgeber österreichischer Herkunft, der aus seiner Bewunderung für Pinochet kein Geheimnis macht und »mit ihm nicht nur den Vornamen, sondern auch den Hass auf die Kommunisten teilt«. Rätselhaft bleibt Karolas Landsmann Stefan, der eine Katze namens Adorno hat und alles Deutsche, selbst die deutsche Sprache, ablehnt.
Eine besondere Rolle spielt der Gärtner Rogelio, ein alter Idealist und immer noch überzeugter Kommunist, der während der Gartenarbeit die politische Lage kommentiert und nicht müde wird, von der untergegangenen DDR als dem »guten Deutschland« zu schwärmen und den »Genossen Honecker – Gott hab ihn selig« über den grünen Klee zu loben, während Karola die guten Seiten ihres »schlechten« – weil kapitalistischen – Deutschlands aus der Ferne durchaus zu schätzen gelernt hat. Am Ende dieses Tages beschert der Urteilsspruch einen – wenn auch winzigen – Hauch von Gerechtigkeit: Pinochets ehemaliger Foltermeister wird zu sieben Jahren Haft verurteilt. »Lumpige sieben Jährchen für den Mord an einem sozialistischen Außenminister«, wie Rogelio vorhergesagt hatte. Etwa zur gleichen Zeit wird im Nachbarland Argentinien der ehemalige SS-Führer Erich Priebke, ein alter Waffenbruder von Hellers Vater, verhaftet und nach Italien ausgeliefert. 40 Jahre lang hatte er unbehelligt als Wursthändler und Präsident des Deutsch-Argentinischen Bundes gelebt.

 

 

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